Bill Williamson versetzt Anfang des 20. Jahrhunderts die Bevölkerung des fiktiven Wüstenstaats „New Austin“ in Angst und Schrecken und legt damit den Grundstein für die Handlung von Red Dead Redemption. Grausiger Beleg für Bills jüngstes Massaker ist der am Galgen baumelnde Hausherr der Ridgewood Farm.

John Marston war Jahre zuvor selbst Mitglied in Bills Gang. Nun jedoch kämpft er gezwungenermaßen gegen seine ehemaligen Weggefährten – korrupte Regierungsbeamte haben seine Familie als Geisel genommen und wollen sie erst wieder freilassen, wenn Bill endgültig von der Bildfläche verschwunden ist.

Schaurige Szenen wie die auf der Farm seht ihr in Red Dead Redemption laufend, denn der Wilde Westen ist auch zu Zeiten der ersten Automobile nach wie vor ein hartes Pflaster. Glücklicherweise lockert Rockstar San Diego die raue Spielwelt regelmäßig mit ausgefallenen Charakteren und witzigen Szenen auf. Außerdem lässt euch eine weitere Stärke des Spiels die Grausamkeiten der Wüste schnell vergessen: die umwerfende Grafik.
Malerische Lichtspielereien begleiten unsere Floßfahrt von New Austin nach Mexiko. Nachdem wir Bill Williamson in den ersten acht Spielstunden von Red Dead Redemption in spannenden Missionen quer durch das texanische Grenzland gejagt haben, hält er sich jetzt im mexikanischen Nuevo Paraiso versteckt. Doch bevor wir uns an seine Fersen heften, reiten wir den nächstbesten Abhang hinauf – untermalt von atmosphärischer Musik, für die namhafte Künstler aus der Folkszene verantwortlich zeichnen.

In dieser dichten Atmosphäre wollen wir uns an der herausragenden Weitsicht von Red Dead Redemption ergötzen, die auch nach mehreren Stunden noch für weit aufgerissene Augen sorgt: Kupferrote Felsen strecken sich am Horizont gen Himmel und die sengende Hitze spiegelt sich im Flimmern der Luft wider. Wer einmal durch den amerikanischen Westen gereist ist, der erkennt fast keinen Unterschied zwischen dem realen Vorbild und der Welt von Red Dead Redemption.

Ein wenig schade ist, dass solche Ausflüge auf Aussichtspunkte nur selten zu wirklichen Erkundungstouren führen. Während ihr in offenen Spielen wie Oblivion oder Fallout 3 am laufenden Band lohnenswerte Gegenstände finden könnt, stoßt ihr in Red Dead Redemption nur selten mal auf eine Truhe, die meist lediglich Geld oder Munition enthält. Als Entschädigung haben die Entwickler Zufallsereignisse eingestreut, die jederzeit am Straßenrand auftreten können.

Zum Beispiel dürft ihr wilde Tiere erledigen und dann häuten, um mit den verkauften Fellen eure stets knappe Kasse ein bisschen aufzufüllen. Harte Dollars sind nämlich ein spärliches Gut in Red Dead Redemption. Ihr müsst nicht nur für neue Waffen und Ausrüstung löhnen, sondern auch für Wohnungen (Speicherpunkte) oder bessere Reittiere.
Um für Abwechslung vom Wüstenalltag zu sorgen, schickt euch Red Dead Redemption im letzten Drittel noch ins nördliche „New Elizabeth“, das mit deutlich milderem Klima gesegnet ist. Hier dominieren Tannenwälder und verschneite Gebirgspfade das Landschaftsbild und die Städte können bereits einen Hauch von Zivilisation vorweisen. Von der blutigen Revolution in Mexiko (bei der ihr natürlich kräftig mitmischt) oder dem schwelenden Konflikt zwischen Banditen und Farmern in New Austin ist hier nur wenig zu spüren.

Die glaubwürdige Spielwelt, die wir bereits in unserem Vorabtest von Red Dead Redemption beschrieben hatten, zieht sich durch das gesamte Spiel und auch die Story lässt keine Fragen offen: Mehrere Male konnte uns der Titel während des rund 15-stündigen Haupterzählstrangs mit überraschenden Wendungen begeistern.

Vor allem das Ende steht selbst Hollywood-Filmen dramaturgisch in nichts nach, gerade weil das Spiel eigentlich schon Stunden vor der eigentlichen Schlussszene vorbei sein könnte. Die Entwickler bringen am Ende aber noch mal einen besonderen Twist – lasst euch überraschen! Unterstützt wird die Handlung durch die hervorragenden Dialoge, die Gänsehaut erzeugen und dazu beitragen, dass John Marston so enorm viel mehr Charaktertiefe besitzt.

Ebenfalls vorbildlich ist die Abwechslung innerhalb der Missionen: Ob es nun der obligatorische Zug­raub, bleihaltige High-Noon-Duelle, gemächliches Viehtreiben oder der Gatling-Gun-unterstützte Ansturm auf ein schwer befestigtes Armeelager ist – laufend bekommt ihr etwas anderes zu sehen, auch wenn die Missionsvariante „Auf dem Rücken eines Pferdes auf Verfolger ballern“ für unseren Geschmack etwas zu häufig vorkommt.

Die Schießereien laufen dabei ein wenig flotter ab als in Grand Theft Auto IV, denn euer Fadenkreuz verfolgt die Gegner immer nur rund zwei Sekunden lang. Verpasst ihr dieses Zeitfenster, dann müsst ihr entweder manuell nachjustieren oder neu zielen. Das irritiert anfangs zwar ein wenig, doch schnell fühlt ihr euch durch den flotten Wechsel der Gegner wie ein wahrer Pistolero.

Wahlweise könnt ihr auch auf dauerhaften Fokus oder komplett freies Zielen umstellen, einen Schwierigkeitsgrad gibt es im eigentlichen Sinne nicht. Wenn der Kampf mal zu knackig wird, knipst ihr mit dem aus dem Vorgänger bekannten Dead-Eye-Modus – eine Art Bullet-Time – mehrere Gegner auf einmal aus oder werft euch eine Buddel Medizin ein.
Dem überragenden Spielspaß standen während unserer rund 25-stündigen Spielzeit seltene technische Probleme im Weg, die im Vergleich zur Vorabversion aber weniger geworden sind. Abgesehen von Treppeneffekten an schrägen Kanten und dem ein oder anderen Clipping-Fehler war der größte Störfaktor eine Nebenmission, die sich erst nach erneutem Laden vollenden ließ. An diesen Problemen feilt Rockstar mit Hochdruck, sodass dieser Bug spätestens mit dem ersten Patch behoben sein sollte.

Leider konnten uns die Standard-Modi des Multiplayer-Parts nicht wirklich überzeugen, denn Spielvarianten wie Deathmatch müssen im Vergleich mit großen Konkurrenten wie Modern Warfare 2 den Kürzeren ziehen. Das liegt hauptsächlich am Auto-Aiming und der Positionierung der Respawn-Punkte: Oftmals kommt es vor, dass ihr direkt neben einem Gegner auftaucht, was zu Frust führen kann.

Überzeugen konnte uns hingegen der Free-Roam-Modus, bei dem bis zu 16 Spieler gemeinsam durch die offene Spielwelt ziehen und diverse Aufgaben erfüllen. Viele davon orientieren sich an Tätigkeiten aus dem Singleplayer, darüber hinaus stellt Rockstar noch weitere neue Aktivitäten zur Verfügung. Ihr könnt im Free-Roam-Modus auch eine Posse gründen und gegen verfeindete Gruppen kämpfen, was das Zusammengehörigkeitsgefühl noch verstärkt – Wir hatten während unserer Multiplayer-Sessions am meisten Spaß in dieser Variante.