Am 10. November war es endlich soweit, der wohl am sehnlichsten erwartete Shooter 2009 kam in die Regale der Spielehändler. Natürlich wollten wir uns auch gleich ins Gefecht stürzen und haben eine PS3 und eine X-Box 360 Version ausführlich für euch unter die Lupe genommen.

Der Spielbeginn ist typisch für Call of Duty: Zuerst ein simples Tutorial (in dem man dieses Mal keinen Anfänger spielt, sondern stattdessen frischen Rekruten ein paar Tricks wie Hinlegen und Abdrücken zeigen muss), gefolgt von einem Hindernisparcours, der einem nach Abschluss einen Schwierigkeitsgrad vorschlägt. Dieses Angebot kann man natürlich ignorieren; falls man die anfängliche Entscheidung im Laufe des Spiels bereut, kann man den Herausforderungsgrad auch jederzeit wechseln. Was sich ebenfalls nicht geändert hat, ist der Sprung zwischen verschiedenen Protagonisten. Dieses Mal schlüpft man in die Haut von drei Soldaten, zwischen deren Einsätzen man immer wieder wechselt. Moment, das muss korrigiert werden: Für eine Mission übernimmt man die Polygonhülle eines vierten Kämpfers, der als Undercover-Agent einen russischen Terror-Ring unterwandert – und der damit zum Helden der kontroversesten Mission des Spiels wird.

Über das moralische und spielerische Dilemma der Szene am Moskauer Flughafen haben sich ja schon genug unserer Kollegen ausgelassen, deswegen werde ich hier nicht noch einmal drauf hinweisen. Denn problematisch wird die Szene nicht nur dadurch, dass man Teil eines Amoklauf-Kommandos ist (was erzählerisch im Rahmen der Story des Spiels übrigens Sinn ergibt), sondern auch, dass sie in der deutschen Fassung den Versprechungen von Activision zum Trotz gekürzt ist. In aller Kürze wird man in der deutschen Fassung an dieser Stelle zum Zuschauer verdammt. Wer selbst einen Schuss auf die Zivilisten abfeuert, wird sofort Zeuge der Warnung »Sie haben einen Zivilisten getroffen. Vorsicht beim Feuern!« – was natürlich innerhalb der Szene nicht den geringsten Sinn ergibt. Fragen sich die Terroristen-Kumpels nicht, warum man nicht mitballert, sondern nur gemütlich durch die Leichen watet? Erst nach einigen Minuten des Mitläufertums darf man selbst aktiv werden, nämlich dann, wenn Polizisten und Soldaten ins Spiel kommen – die dürfen dann wieder abgeknallt werden. Doppelmoral? Inkonsequenz? Die Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen. Klar ist jedoch, dass die Szene in dieser abgedämpften Fassung völlig behämmert wirkt. Die internationale Version betrifft das nicht, hier kann von Anfang an abgedrückt werden. Wem das moralisch verwerflich vorkommt, der kann bereits vor Spielbeginn entscheiden, dass er diese Mission nicht spielen möchte – genauso kann man mitten im Auftrag abbrechen und zum nächsten überspringen. Aber stellt diese Filtermöglichkeit nicht das Spieldesign selbst in Frage?

Spielerisch bleibt MW2 der Call of Duty-Tradition in vielerlei Hinsicht treu: Levelschläuche ohne große Freiheit der Bewegung, man ist nie allein unterwegs (im Normalfall ist man Teil einer großen stürmenden Truppe), Dauerfeueraction bestimmt das Bild, im Großen und Ganzen bevölkern dumme Gegner die Szenarien. Es gibt zwar auch Situationen, in denen man ins Schwitzen kommt -wenn etwa ein angeschossener Feind zu einer Waffe kriecht und mit letzter Kraft einen Schuss abgibt-, aber im weitesten Sinne ist das ein aufgepumptes Moorhuhn – manchmal reicht es, mit vollem Magazin vor einer Tür zu stehen und mit Dauerfeuer abzuwarten. Das klingt aber negativer, als es gemeint ist, denn diese Art Spiel funktioniert wohl nur mit einer debilen Gegnerschar. Call of Duty bezieht seinen Reiz nun mal aus dem Gefecht gegen Dutzende und Dutzende von Feinden. Wäre jeder einzelne davon so clever wie in Killzone 2 oder Far Cry würde das den Spielfluss erheblich hemmen. Nichtsdestotrotz sind die hiesigen Widersacher alles andere als blöd, gerade auf den höheren Schwierigkeitsgraden. Nicht umsonst zählt die Stufe »Veteran« der Serie schon immer zu den höllischsten Herausforderungen, die man sich in einem Shooter antun kann.

Das Missionsdesign folgt im Großen und Ganzen ebenfalls dem bewährten Strickmuster: Gegner ausschalten, Kameraden retten, Geiseln befreien, Dokumente sichern, anrumpelnde Panzer per Raketenwerfer stoppen, Häuser und Wohnungen stürmen (teilweise in Zeitlupe, was sehr dramatisch aussieht) – der legendäre Sniper-Abschnitt von Modern Warfare wird hier gleich zwei Mal zitiert, erreicht aber trotz hoher Spannung und den gewohnt zynischen Kommentaren des Begleiters in keinem von beiden Fällen die erdrückende Perfektion des Originals. Außerdem ist der Spielbeginn etwas konservativ geraten: Man muss einen Brückenleger in Afghanistan beschützen, danach geht’s mit Hummer durch die Straßen der Stadt, das war’s – nicht schlecht und schön actionreich, aber wenn man die brachiale Schiffs-Szene des ersten Teils im Hinterkopf hat, kann das hier Gezeigte dramaturgisch nicht mithalten. Davon abgesehen gibt es einige Aufträge, die aus dem Rahmen fallen: Mal muss man mit einem Krawallschild die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, während sich ein anderer Soldat um die angreifenden Feinde kümmert. Mal muss man völlig waffenlos und unter Zeitdruck flüchten, mal ein Schlauchboot durch wilde Wasser lenken. Und für eine sehr coole (wenn auch leider sehr kurze) Mission findet man sich sogar in den freien Weiten des Weltalls wieder. Hin und wieder verfügt man auch über einen Funkkasten, mit dem man aus der Luft mit Predator-Drohnen angreifen kann. Das erinnert ein wenig an die Gunship-Mission des Vorgängers, wirkt aber weitaus weniger spektakulär. Der Rest des Waffenarsenals ist ebenso bekannt wie bewährt: Diverse MGs hier, Scharfschützen- und Schrotgewehre hier, Raketenwerfer, Granaten, Minigun, C4-Sprengladungen – kennt man alles. Neu ist, dass man frei nach John Woo zwei Waffen im Akimbo-Stil tragen darf: Doppelte Pistolen oder Uzis sorgen für Panik unter den Gegnern, begleitet von einer bombastischen Soundkulisse, die gerade in Dolby Digital nicht weniger als umwerfend ist!

Eines muss man Infinity Ward mehr als alles andere zugestehen: Sie kriegen es scheinbar mühelos hin, immer wieder scheinbar beängstigend aussichtslose Situationen zu schaffen, in denen man sich heillos überrannt fühlt, die Panik kaum vermeiden kann – und dann doch noch, ähnlich wie in Resident Evil 5, gerade so die Kurve kriegt. Irrsinnig spannend und sehr, sehr aufregend! Wie gewohnt darf man übrigens nicht frei speichern, stattdessen sorgt ein automatisches Sicherungssystem inkl. sehr fair verteilter Checkpunkte für einen sauberen Spielfluss ohne unnötig viele Wiederholungen.

Die schönste Seite des Krieges

Drei Akte erwarten den MW2-Spieler, mit insgesamt 18 Missionen. Traditionell sind die CoD-Spiele ja nicht die längsten ihrer Zunft, auch der aktuelle Teil ist keine Ausnahme – sehr viel länger als sieben Stunden sollte das Durchspielen der Kampagne nicht dauern. Von der ersten bis zur letzten Minute können die Entwickler aber jederzeit eine Trumpfkarte ausspielen: technische Perfektion gepaart mit beeindruckendem Leveldesign. Ja, es gibt ein paar schlaffe Hüllen im Karten-Sortiment – wie den Ausflug zu Makarovs Berghütte, in dem die herumstehenden kahlen Bäume und stabilen Gräser

konsequent hochgezogene Augenbrauen zur Folge haben. Aber sowas ist tatsächlich die Ausnahme, denn über den größten Teil des Spiels beweisen die Entwickler, dass sie zu den besten ihres Fachs gehören! Egal ob russischer Flughafen, brasilianisches Elendsviertel (inkl. panisch herumrennender Zivilisten, die man nicht beschießen darf), amerikanischer Vorort, russischer Gulag, ein Flugzeugfriedhof oder das Herz von Washington DC – die Abwechslung im Design ist in jeder Hinsicht höchst beeindruckend!

Dazu zählt natürlich auch, dass MW2 mal wieder verdammt gut aussieht. Also wirklich verdammt, verdammt gut. Geil, möchte man sagen. Okay, das Hauptmenü ist ausnehmend hässlich, aber irgendwo muss sich der Praktikant ja mal austoben. Doch von diesem Stilbruch mal abgesehen zählt MW2 zum gegenwärtig Besten, was möglichst FullHD-fähige Fernseher ziert: Allein die beeindruckend wuchtigen Explosionen sowie der gleißende Funkenflug, den ich so noch nie in einem Spiel zu sehen bekam, sorgen für ungläubiges Staunen. Geniale Licht- und Schattenspiele, aufgewirbelter Staub, Dreck und Schnee in Massen, grandios designte und noch besser animierte Figuren, Tonnen über Tonnen von geskripteten Ereignissen, die für Leben auf den detailverliebt gestalteten Szenerien sorgen – Wahnsinn! Klar, es gibt Spiele, die in einzelnen Bereichen bessere Arbeit abliefern: Uncharted 2 hat in Sachen Mimik und Detailanimation klar die Nase vorn, Gears of War 2 zeigt ideenreicheres Leveldesign. Aber das Gesamterlebnis »Glaubwürdige Darstellung aktueller Schlachtfelder« bekommt kein Spiel besser hin als Modern Warfare 2. Auch wenn gelegentliche Clippingfehler dafür sorgen, dass Gegnerteile in Böden und Wänden versinken.

Wie von der Serie gewohnt, gibt es übrigens sehr wenig Blut zu sehen – das betrifft die deutsche Fassung genau so wie die internationale. Ebenfalls in allen Fassungen unverändert: Der Soundtrack, der allein die benötigten Scheine für das Spiel wert ist! Hans Zimmer und sein langjähriger Partner Lorne Balfe erschaffen in Noten das, was die Designer aus Texturen und 3D-Daten gemacht haben – Meisterwerke! Harry Gregson-Williams hat schon im Vorgänger eine nahezu makellose Arbeit abgeliefert, die jetzt konsequent im klassischen Zimmer-Stil fortgeführt wird! Die deutsche Sprachausgabe ist gut, teilweise sogar sehr gut, aber leider nicht irre gut – manche Sprecher klingen deutlich überbetont, einige sind hörbar fehlbesetzt. Nichtsdestotrotz bekommt man auch in der hiesigen Version eine absolut solide sprachliche Leistung zu hören.

Online bist du nie allein

Der legendäre Mehrspielermodus, Hort der größten Freuden im Vorgänger, wurde auf Konsolen ohne größere Veränderungen übernommen: Wie gewohnt stehen auf Xbox 360 und PS3 von Anfang an lediglich drei der 14 Spielvarianten zur Verfügung – die simpelsten Deathmatch-Modi, die zum Warmspielen dienen.

Oder zum Sammeln von Erfahrungspunkten, denn der Rangaufstieg ist nach wie vor das wichtigste Element Variante. Mit steigendem Rang schaltet man nämlich nicht nur weitere Spielvarianten frei, sondern bekommt auch neue Waffen, neue Herausforderungen, neue Spielerklassen – und neue »Extras«. Die sorgen nach wie vor für eine Extraportion Spaß und Spannung, denn mit diesen kleinen Erweiterungen kann man seinen Soldaten nach Herzenslust personalisieren. Drei Slots stehen zur Verfügung, die nach Belieben gefüllt werden können: Schneller rennen? Kein Problem. Schneller nachladen vielleicht? Auch cool. Mehr Durchschlagskraft für die Wumme? Schadet nie. Etwas mehr Lebensenergie? Oooh, das hätte ich gern – aber welches Extra schmeiße ich dafür weg? »Copycat«, mit dem ich nach einem Abschuss die Klasse des Spielers klauen kann, der mich erledigt hat? Es gibt so viele so coole Sachen, aber man muss sich auf drei beschränken – sehr cool! Anfangs stehen einem nur drei Soldatenklassen zur Verfügung, zwei weitere kommen nach kurzer Spielzeit dazu, außerdem darf man über kurz oder lang auch eigene Superkrieger basteln: Man wählt aus dem bereits freigespielten Pool einfach die bevorzugten Waffen, Extras und Kriegsbemalungen.

Der Online-Modus funktioniert im Großen und Ganzen halbautomatisch: Man wählt nur an, dass man spielen möchte, den geeigneten Server sowie die Aufteilung der Teams übernimmt das Programm selbst – da hat man keine Eingreifmöglichkeit. Natürlich dürfen eigene Matches veranstaltet werden, außerdem kann man auf den ganzen Online-Kram verzichten, und sich vier Mann hoch Gefechte am Splitscreen liefern, eine Verbindung per System Link ist ebenfalls möglich. Auf den meisten Karten dürfen maximal zwölf Spieler gegeneinander antreten, das absolute Limit ist bei 18 Teilnehmern erreicht. Ansonsten ist der Mehrspielermodus im Vergleich zu vorher gleich, es wurde nur Verbesserung im Detail betrieben (außer, dass man sich jetzt nicht mehr herauslehnen darf, wobei sich natürlich die Frage stellt, wer das vorher gemacht hat): Es gibt jetzt z.B. längere Killstreaks, die treffsichere Spieler mit immer stärkeren Boni (inkl. eines Ausflugs hinter das Geschütz einer AC-130) belohnen. Ebenfalls sehr cool sind die Predator-Drohnen, das Wurfmesser, der Krawallschild (der clevere Teamtaktik ermöglicht) sowie das Überraschungspaket, welches man aufs Schlachtfeld geliefert bekommt.

Zwei Superkrieger sollt ihr sein!

Die dritte Spielvariante, die das Hauptmenü ziert, nennt sich »Spezialeinheit« und ist im Wesentlichen ein Arcade-Modus der Kampagne: Allein oder zu zweit erwarten euch fünf Blöcke à fünf Missionen, die, Tradition ist Tradition, erst nach und nach freigespielt werden müssen. Das sind kurze Aufträge, die jeweils andere Anforderungen stellen. Mal muss man sich einfach von A nach B kämpfen und heil am

Ziel ankommen, mal vorsichtig mit dem Scharfschützengewehr durch das Dickicht schleichen und dafür sorgen, dass man nicht entdeckt wird. Mal liefert man sich ein Rennen auf dem Schneemobil, mal entschärft man Bomben. Manche Aufträge dürfen sogar nur zu zweit angegangen werden: Ein Spieler muss sich am Boden durchballern, während er vom zweiten Spieler aus der Luft mit schwerem Geschütz Unterstützung bekommt – eine davon ist an die legendäre AC 130-Mission aus dem Vorgänger angelehnt, der großartige Sniper-Ausflug nach Tschernobyl feiert ebenfalls ein Wiedersehen.

Jeder Auftrag wird mit einem bis drei Sternen honoriert: Je nachdem, wie schnell man war, wie präzise, welchen Schwierigkeitsgrad man gewählt, wie viele Gegner erledigt oder wie viele Zivilisten verschont hat – die Siegesbedingungen sind von Auftrag zu Auftrag unterschiedlich. Will man zu zweit unterwegs sein, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder zieht man am Splitscreen oder online los – Letzteres funktioniert allerdings nur auf Einladung, nicht mit zufälligen Online-Partnern. Die Variante des geteilten Bildschirms funktioniert auf großen TV-Geräten zwar ziemlich gut, leider aber unter einem spürbaren Geschwindigkeitsverlust – es wird zwar nie unspielbar, aber man merkt deutlich, dass es weniger flüssig vonstatten geht.